Freitag, 6. März 2026

Blognacht Vol. 66

 "Glückwunsch! Du bekommst eine Stunde geschenkt."

Diesmal hat es tatsächlich mich getroffen, gerechnet habe ich definitiv nicht damit, schließlich bin ich ein absoluter Newcomer hier im Himmel, gerade mal zwei Monate tot und die Erinnerung an die Welt und das Leben noch sehr präsent. Warum Jesus bei seiner alljährlichen Weihnachtsbescherung die heißbegehrte Zusatzstunde ausgerechnet mir überreicht, bleibt sein Geheimnis. 

Ehrfurchtsvoll nehme ich dieses helle überirdisch strahlende Glitzerding entgegen und haste auf der Stelle los, denn ich will keine Sekunde davon sinnlos verstreichen lassen. 

Wen soll ich auf der Erde zuerst überraschen, mit wem noch einmal reden, was müsste geklärt oder in Ordnung gebracht werden? Sicher, ich habe schon oft darüber nachgedacht, was ich in dieser Zeit machen könnte, schließlich ist es das erste, was einem hier oben erzählt wird, diese besondere Vergünstigung, unverhoffte Gnade, um nicht in ewigem Gram über vertane Chancen zu versauern.

Da sind die naheliegendsten Möglichkeiten: noch lebende Familienmitglieder, meine Schwester, Nichte und Neffe, Cousine. Vielleicht auch langjährige Freunde: meine Freundin aus Kindertagen, mein Freund aus der Studienzeit. Es wäre natürlich auch denkbar, die Gelegenheit zu nutzen, um einflussreiche Menschen wie Politiker, den Papst, Schriftsteller, Journalisten u.ä. aufzusuchen und ihnen einen Geistesblitz aus höheren Sphären zu übermitteln.

Und während mein Kopf noch bedächtig nach der vernünftigsten und sinnvollsten Nutzung dieser heiligen Stunde sucht, hat mein Herz sich schon längst entschieden, und meine Beine eilen bereits dem Ziel entgegen, während mein Kopf hilflos hinterherjammert, weil er die geschenkte Zeit nicht auf diese Weise verschwendet sehen will.

Ich sitze an seinem Bett, er schläft, ruhig und friedlich, träumt, ein zarter Hauch Himmelsgespinst, das gleiche Glitzern wie die Stunde in meiner Hand, nie bin ich ihm im Leben so nahe gewesen.

Meine Gedanken wandern zurück, die erste Begegnung, ich kannte ihn nicht, wusste nichts von ihm und war doch sofort angezogen und fasziniert, seine erschreckend klaren Augen, die Ruhe und Sicherheit, die er ausstrahlte, das schalkhaft Verschmitzte, das Jungenhafte, obwohl er damals auch schon Mitte 30 war.

Er war seit Jahren schon in festen Händen, seine Freundin war wie eine kleine Schwester für mich, ihre Beziehung so rührend zärtlich, ich sah ihnen zu, vielleicht ein wenig wehmütig, vielleicht ein wenig enttäuscht, resigniert. Es dauerte nicht lange, da heirateten sie, später kamen Kinder, noch später Enkel, erfüllte Liebe, erfülltes Leben.

Mein Platz war stets in der Nähe, umkreisend wie der Mond die Erde, vielleicht am ehesten eine vorsichtige Freundschaft, unauffällig am Rande, anteilnehmend doch unbeteiligt, unsere Wege waren nicht dazu bestimmt sich zu kreuzen, wir liefen parallel nebeneinander her.

Bis auf ein einziges Mal, jene denkwürdige Samtnacht, in der kurz alles möglich schien, ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, der uns einen Blick in eine Parallelwelt werfen ließ, ein anderer Lebenslinienverlauf schimmerte im matten Mondlicht auf, bestürzende Nähe, vor der wir beide instinktiv zurückschreckten, nicht in diesem Leben.

Ich nehme seine Hand, sie ist knochig geworden, noch immer diese helle Haut, die blonden Häärchen auf seinem Arm, ich spüre die Wärme, das Leben in ihm, jetzt trennen uns Welten, das strahlende Glitzern ein letztes Aufflackern in der Dunkelheit.

Leb wohl mein Freund.

(Danke für den Schreibimpuls an Anna Koschinski von blognacht.de)  

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