Sonntag, 7. Juni 2026

Blognacht Vol. 69 Man gönnt sich ja sonst nichts

Nach dem letzten Ton Stille. Dann minutenlanger Applaus, begeisterte Bravo-Rufe, Standing-Ovations, am Ende erheben sich alle von ihren Plätzen, die Köpfe gehen hoch zur Empore und jubeln dem jungen Organisten zu, der jetzt an der Brüstung lehnt und Blickkontakt zu seinem Vater sucht. Sie nicken sich zu.

Meine Mama sitzt mit einem älteren Mann in der Küche. Mich haben sie in das Kinderzimmer seines Sohnes geschickt zum Spielen. Durch die offenen Türen kann ich hinüberschauen. Der Mann weint. Mama versucht ihn zu trösten, redet leise auf ihn ein. Ich habe noch nie einen Mann weinen sehen.

Ich war schon öfter hier. Wir haben die Frau des Mannes besucht. Es war immer sehr gemütlich. Im Wohnzimmer in der Ecke mit dem Fenster steht ein Esstisch mit einer Orgel daneben. Man kann entweder am Tisch sitzen oder sich umdrehen und Orgel spielen, das finde ich toll. Ich kann leider nur den Flohwalzer und ein paar einfache Lieder, aber nur mit einer Hand. Richtig spielt man ja mit beiden.

Jetzt ist die Frau tot. Sie war eine Arbeitskollegin von Mama. Sie hat sich umgebracht. Der Mann hat sie gefunden. Als wir sie heute besuchen wollten, war nur er da. Mama war ganz erschrocken, als er das sagte. Ich verstehe das nicht. Sie muss sehr unglücklich gewesen sein. Vielleicht war sie krank? Sie hat Tabletten genommen, zuviele.

- Überall Geld, ich begreife das nicht. Woher kommt das ganze Geld? Beim Aufräumen ihrer Sachen bin ich überall darauf gestoßen, in Manteltaschen, in Schubladen, selbst zwischen den Seiten von Büchern, in alten Schuhkartons, hinter der Wäsche im Schrank, im Nachttisch, in allen Taschen und Jacken, teilweise in Strümpfen, im Wäschebeutel, zwischen alten Fotos, in Alben, in Schallplattenhüllen, im Schmuckkästchen. Das ist unfassbar. Hat sie dir irgendetwas davon gesagt? Irgendwas erzählt? Ihr habt euch doch auch privat öfter mal getroffen.

- Ja, aber da ist über Geld natürlich nie geredet worden. Wir haben uns gut verstanden, oft gings um die Arbeit, um Kollegen, Schwierigkeiten, Arbeitszeiten, was so passiert ist.

- Wir haben so bescheiden gelebt, sie hat immer gespart, nie irgendwas sinnlos ausgegeben, das Geld zusammengehalten. Keine neuen Kleider, alles vorsichtig behandeln, reparieren, nähen, stopfen, Preise im Supermarkt vergleichen. Wir haben beide nicht viel verdient. Ich habe nie was vermisst. Wir hatten ja uns. 

- Wir waren uns da schon sehr ähnlich. Ich hab meine Kleider auch schon ewig, brauch selten was neues. Es gibt Wichtigeres, wie du sagst Familie, Freunde und so. Findig war sie, hat immer gewusst, wo man Rabatte bekam oder Dinge mit kleinen Macken. Einmal hat ein Laden Schuhe verschenkt, weil sie im Schaufenster standen und ein bisschen ausgeblichen waren, wir haben oft sehr darüber gelacht. Aber oberste Priorität hatte ja immer euer Kleiner.

- Ja, unser Sohn. Für ihn soll genug Geld da sein. Orgelunterricht, die Heimorgel, ja, das ist nicht billig. Seitdem er in der Kirche das erste Mal die Orgel gehört hat, will er auch spielen. Wir kennen uns in Musiksachen ja nicht so aus, aber der Organist unserer Gemeinde hat ihn bisher unterrichtet. Jetzt reicht das nicht mehr. Er war ja schon als kleiner Knirps so ein Talent.

- Du musst jetzt für ihn da sein, ihn unterstützen, ihr habt nur noch euch. Lass dich jetzt nicht hängen.

Nach dem Konzert.
- Wenn deine Mutter das noch erlebt hätte...
- ohne dich hätte ich es nie geschafft
- auf unsere Familie
- ich werde eine Stiftung für junge Musiker gründen
- gute Idee, Geld ist noch genug da
- und wir haben ja uns

(Danke an Anna Koschinski für den Schreibimpuls der blognacht ) 

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