Am Straßenrand steht ein Motorrad, ich sehe es von weitem. Als ich näherkomme, treten aus dem Hauseingang gegenüber zwei Motorradfahrerinnen, überqueren die Straße und gehen auf das Motorrad zu. Sie müssen noch ihr Gepäck verstauen, daher radel ich langsam vorbei. Aus dem Augenwinkel heraus ein plötzliches Erkennen, ich fahre weiter.
Ich erreiche den Hafenbereich, Stände sind aufgebaut, Bierzeltgarnituren, Menschen, es riecht nach verschiedenstem Essen, eine Hüpfburg für Kinder, ein Ausflugsschiff, das regelmäßig anlegt, Menschen ausspuckt und neue einsteigen lässt, Lachen, irgendwo spielt eine Band.
Gemächlich das Gelände erkunden, bummeln, schauen, stehenbleiben, genauer schauen, Kaffee und Kuchen holen, einen Platz in der Nähe der Musik finden, sitzen, zuhören, essen, Sonne im Gesicht, Gespräche der Tischgenossen, Gitarre, Gesang, fasziniert von der Leichtigkeit, abtauchen, ein Klangteppich, umringt und eingehüllt in typische Festatmosphäre.
Am Rande des Hafengeländes, direkt beim Bootsanleger hält ein Motorrad. Zwei Frauen steigen ab, verstauen ihre Helme und Jacken und kommen näher. Sie sind gutgelaunt, lachen miteinander, halten sich an der Hand, ein flüchtiger Kuss, offensichtlich ein Paar, vermutlich schon recht lange, alltägliche Vertrautheit, aufeinander eingespielt. Eine davon kenne ich.
Ich bin wieder 17, neu in der Klasse, sie sitzt auf dem Tisch, umringt von ihrer Clique, es ist laut und fröhlich und chaotisch hier. Ich sitze auf meinem Platz am Fenster, eher abseits, beobachte erstaunt das Treiben, höre zu, bin eher still und zurückhaltend. Sie fällt auf, laut, rotzfrech, selbstsicher und direkt.
Irgendwann bin ich Teil der Clique, sie haben mich quasi adoptiert. Erstmalig gehöre ich irgendwo dazu, werde zu Treffen mitgenommen, gemeinsame Feten, Geburtstagsfeiern, Kinobesuche, zusammen in den Pausen abhängen. Ich staune darüber, kann es nicht so recht glauben, bin vorsichtig. Doch ihrer Präsenz kann ich mich nicht entziehen, ich bin fasziniert, gefangen in ihrem magischen Bann.
Ein Mädchen aus der Clique feiert ihren Geburtstag in einem Billardlokal. Wir alle haben noch nie Billard gespielt, stellen uns mehr oder weniger geschickt an, es wird viel gelacht. Eine Kugel knallt mit Wucht auf eine andere, die dadurch bis ans Ende des Tisches rollt, während sie selbst abgebremst wird und zurückrollt. Quer über den Billardtisch begegnen sich unsere Blicke, alles ist klar.
Ein paar Tage später will sie nichts davon hören, hält "solche Gefühle" für pervers und verweist vehement auf ihren Freund aus der Nachbarschaft, mit dem sie zusammen ist. Habe ich mich getäuscht? Es war doch so eindeutig und befreiend richtig. Nur für mich? Kann man sich so verirren?
600 Kilometer und 40 Jahre liegen zwischen diesem Ort und heute. Ein paarmal noch habe ich mich verliebt, in Frauen, in Männer, eine Beziehung ist nie daraus geworden, zu groß war die Unsicherheit, erneut etwas falsch verstanden oder gefühlt zu haben. Ich lebe allein.
Die beiden sitzen inzwischen nicht weit entfernt in der Sonne, essen Fischbrötchen, unterhalten sich. Wieder einmal bin ich am Rand, beobachtend, unbemerkt. Unbeteiligt? Irgendwo in meinem Hinterkopf taucht dieser Gedanke auf, ich möchte nicht von ihr entdeckt werden. Vorsichtig trete ich den Rückzug an, verlasse das Fest.
Als ich mein Fahrrad aufschließe, muss ich doch noch einmal hinüberschauen. Über den Platz hinweg trifft mich ihr Blick, erstauntes Erkennen, ein Lächeln, erst zögernd, fast ein wenig beschämt, dann jedoch wie damals mit der gleichen Mischung aus Zärtlichkeit und Provokation. Ich wende mich ab, fahre los, in meinem Kopf hämmert es: Liebe tut weh.

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