Sonntag, 31. Mai 2026

Am Straßenrand steht ein Motorrad, ich sehe es von weitem. Als ich näherkomme, treten aus dem Hauseingang gegenüber zwei Motorradfahrerinnen, überqueren die Straße und gehen auf das Motorrad zu. Sie müssen noch ihr Gepäck verstauen, daher radel ich langsam vorbei. Aus dem Augenwinkel heraus ein plötzliches Erkennen, ich fahre weiter.

Ich erreiche den Hafenbereich, Stände sind aufgebaut, Bierzeltgarnituren, Menschen, es riecht nach verschiedenstem Essen, eine Hüpfburg für Kinder, ein Ausflugsschiff, das regelmäßig anlegt, Menschen ausspuckt und neue einsteigen lässt, Lachen, irgendwo spielt eine Band.

Gemächlich das Gelände erkunden, bummeln, schauen, stehenbleiben, genauer schauen, Kaffee und Kuchen holen, einen Platz in der Nähe der Musik finden, sitzen, zuhören, essen, Sonne im Gesicht, Gespräche der Tischgenossen, Gitarre, Gesang, fasziniert von der Leichtigkeit, abtauchen, ein Klangteppich, umringt und eingehüllt in typische Festatmosphäre.

Am Rande des Hafengeländes, direkt beim Bootsanleger hält ein Motorrad. Zwei Frauen steigen ab, verstauen ihre Helme und Jacken und kommen näher. Sie sind gutgelaunt, lachen miteinander, halten sich an der Hand, ein flüchtiger Kuss, offensichtlich ein Paar, vermutlich schon recht lange, alltägliche Vertrautheit, aufeinander eingespielt. Eine davon kenne ich.

Ich bin wieder 17, neu in der Klasse, sie sitzt auf dem Tisch, umringt von ihrer Clique, es ist laut und fröhlich und chaotisch hier. Ich sitze auf meinem Platz am Fenster, eher abseits, beobachte erstaunt das Treiben, höre zu, bin eher still und zurückhaltend. Sie fällt auf, laut, rotzfrech, selbstsicher und direkt.

Irgendwann bin ich Teil der Clique, sie haben mich quasi adoptiert. Erstmalig gehöre ich irgendwo dazu, werde zu Treffen mitgenommen, gemeinsame Feten, Geburtstagsfeiern, Kinobesuche, zusammen in den Pausen abhängen. Ich staune darüber, kann es nicht so recht glauben, bin vorsichtig. Doch ihrer Präsenz kann ich mich nicht entziehen, ich bin fasziniert, gefangen in ihrem magischen Bann.

Ein Mädchen aus der Clique feiert ihren Geburtstag in einem Billardlokal. Wir alle haben noch nie Billard gespielt, stellen uns mehr oder weniger geschickt an, es wird viel gelacht. Eine Kugel knallt mit Wucht auf eine andere, die dadurch bis ans Ende des Tisches rollt, während sie selbst abgebremst wird und zurückrollt. Quer über den Billardtisch begegnen sich unsere Blicke, alles ist klar.

Ein paar Tage später will sie nichts davon hören, hält "solche Gefühle" für pervers und verweist vehement auf ihren Freund aus der Nachbarschaft, mit dem sie zusammen ist. Habe ich mich getäuscht? Es war doch so eindeutig und befreiend richtig. Nur für mich? Kann man sich so verirren?

600 Kilometer und 40 Jahre liegen zwischen diesem Ort und heute. Ein paarmal noch habe ich mich verliebt, in Frauen, in Männer, eine Beziehung ist nie daraus geworden, zu groß war die Unsicherheit, erneut etwas falsch verstanden oder gefühlt zu haben. Ich lebe allein.

Die beiden sitzen inzwischen nicht weit entfernt in der Sonne, essen Fischbrötchen, unterhalten sich. Wieder einmal bin ich am Rand, beobachtend, unbemerkt. Unbeteiligt? Irgendwo in meinem Hinterkopf taucht dieser Gedanke auf, ich möchte nicht von ihr entdeckt werden. Vorsichtig trete ich den Rückzug an, verlasse das Fest. 

Als ich mein Fahrrad aufschließe, muss ich doch noch einmal hinüberschauen. Über den Platz hinweg trifft mich ihr Blick, erstauntes Erkennen, ein Lächeln, erst zögernd, fast ein wenig beschämt, dann jedoch wie damals mit der gleichen Mischung aus Zärtlichkeit und Provokation. Ich wende mich ab, fahre los, in meinem Kopf hämmert es: Liebe tut weh.

Freitag, 8. Mai 2026

Blognacht Vol. 68 verplappert

verplappert verpleppert verplippert verploppert verpluppert
plapper doch nicht so laut
plapper nicht
plapper nicht
plapper plapper plapper nicht

Der Rhythmus dieser Zeilen hatte ihn in seinen Bann gezogen, obwohl sie inhaltlich eine einzige Katastrophe waren. Er sollte eigentlich Vokabeln lernen, doch wieder einmal waren seine Gedanken ganz woanders. Sich auf etwas konzentrieren, gerade wenn es so überhaupt keinen Spaß machte, fiel ihm schwer. Da flogen ihm von irgendwoher einzelne Wörter oder Satzfetzen zu und schwups fingen sie an sich zu bewegen. Manche im Gleichschritt, andere tanzten regelrecht, stürmten im Galopp davon oder schwebten in der Luft. Es faszinierte ihn jedesmal wieder.

verplappert plapp plapp
verplappert plappediplapp
plapp plapp verplappert
ha ha erwischt

Schnell an den Computer und einen kurzen Song kreiert. Die Software dazu hatte er im Internet gefunden und Tutorials dazu auch. Es war am Anfang ziemlich schwierig gewesen sich da einzuarbeiten, aber inzwischen klangen die Lieder schon ganz ordentlich. Er bekam sogar schon "Aufträge" von seinen Klassenkameraden, die ihm ein paar Zeilen oder erste Ideen vorsagten oder sangen und von ihm dann ein fertiges Lied wollten. Sicher, es schmeichelte ihm natürlich, war aber auch teilweise recht nervig. Vor allem wenn die Texte so gar nicht seinem eigenen Geschmack entsprachen. Er verdrehte die Augen. Texte wurden ohnehin überbewertet.

ver|plap|pern
Aus Versehen etwas, was geheim bleiben sollte, aussprechen, ausplaudern
sie hatte sich leider verplappert
ausplaudern, nicht dichthalten, nicht hinter dem Berg halten, verraten
(Duden)

Er hatte einfach nur dagestanden und sie angeschaut. Sie hatte irgendwas erzählt, er war gar nicht fähig gewesen, ihr auch noch inhaltlich zuzuhören. Wie schafften es Mädchen immer, alles gleichzeitig hinzubekommen? Gleichzeitig schauen und reden? Und denken. Und Pausenbrot essen. Und lachen. Sie lachte sensationell. Ihre Augen wurden ein bisschen kleiner und an der linken  Wange bekam sie ein Grübchen. Er kannte bisher niemanden mit einem Grübchen. Er musste immer wieder genau hinschauen, wenn es beim Lachen plötzlich auftauchte. Es faszinierte ihn, aber es war ihm auch unheimlich. Wieso konnte er nicht einfach aufhören damit. Wieso stand er da wie gebannt. Das passierte ihm doch sonst nicht.

Ge|heim|nis
1a etwas, was geheim bleiben soll
1b etwas, was nur eingeweihten bekannt ist
2. etwas Unerforschtes oder nicht Erforschbares
Heimlichkeit, Mysterium, Rätsel(haftigkeit), Wunder
(Duden)

Sein bester Freund hatte ihm auf den Kopf zugesagt, dass er einfach nur verliebt sei, sonst nichts. Sonst nichts? Er war völlig schockiert gewesen. Wie konnte er das sagen? Einfach so? Das war völlig unmöglich. Schon klar, hatte er dann noch nachgeschoben, das bleibt natürlich geheim, von mir erfährt keiner was, wir sind schließlich Freunde.

geheim geheim geheimnisvoll
Geheimnis geh heim
Geheimnis geh heim
Geheimniskrämerei

Und dann war es ihm doch rausgerutscht, vor den ganzen anderen. Er hatte ihn angeschaut, und es war völlig unklar, wer von ihnen entsetzter gewesen war. Beide plötzlich ganz blass, weitaufgerissene Augen, Panik, was jetzt? Die Zeit schien eingefroren, sie hatten absolut keinen Plan, wie sie da wieder rauskommen sollten.

geheim nicht mehr geheim
heim will ich heim
heim heim geh doch
ver ver plappert
lass mich heim

In seinem Kopf dröhnte es, harte kalte Beats, mitten auf den Schädel, er fürchtete ohnmächtig zu werden. "Dann musst du mich jetzt einladen, das macht man so, Eis mag ich gern." Sie nahm seine Hand und zog ihn fort, keine Ahnung wohin, doch das war egal. Er schaute sie an, hörte ihr Lachen, sah ihr kleines Grübchen und war froh.

(Danke an Anna Koschinski für den Schreibimpuls der blognacht )