Eine Drohne über einem Panzer, gesteuert, beobachtet und die gelieferten Bilder und Infos auswertend von einem Piloten, der Panzer wird bombardiert, in die Luft gesprengt, ausgelöscht.
Ein Flugzeuggeschwader, das einen Bombenregen über einer Stadt niedergehen lässt, zusammenstürzende Häuser, Feuer, Schutt und Asche, Tote, Verletzte, Verbrannte, Schreiende, Sterbende.
Woran erkennst du den Feind?
Ein Mann, Ende 20, verheiratet, Vater einer zweijährigen Tochter, in der Armee, steuert einen Panzer durch Gegenden, die er nicht kennt, zerstört Häuser, Straßen, Menschen bevor er zerstört wird. Er ist nur eine Spielfigur. Der Pilot, der über ihm kreist, gerade frisch von der Uni, den Abschluss in der Tasche, Eltern und Geschwister, die auf ihn warten und für ihn beten, im unbekannten Luftraum, zerstört Panzer, Gebäude, Soldaten bevor er zerstört wird. Er führt nur Befehle aus.
Männer, Frauen, Kinder, die vor einer Gefahr davonlaufen, die über sie hereinbricht wie Gewitter oder Platzregen, gegen die es keinen Schutz gibt, unberechenbar, von einer Sekunde zur nächsten. Gestern sind sie noch zur Arbeit, ins Krankenhaus, in die Schule oder in den Club gegangen, haben geredet, sich gekümmert, gestritten, gekocht, getanzt, gelacht, obwohl oder gerade weil die Lage aussichtslos ist.
Die 12jährige Elisa hat ihrer Freundin Katharina erzählt, dass sie nächste Woche das erste Mal ohne Longe reiten darf, aber da wird ihr Leben bereits vorbei sein.
Die 56jährige Hazel muss übermorgen ein schwieriges Gespräch mit einem Mitarbeiter führen und hofft, dass sie die richtigen Worte findet, aber dazu wird es nicht mehr kommen.
Die 72jährige Bastienne freut sich auf den Abend, weil ihr Sohn mit seiner Familie mal wieder vorbeischaut, sie hat schon alles eingekauft und vorbereitet für ein gemeinsames Essen, es ist ja so selten geworden, aber auch sie wird es treffen, wie zahlreiche weitere Opfer, wahllos zerstört.
Woran erkennst du den Feind?
Der Feind ist dieser, der Feind ist jener, der Feind ist dort, der Feind ist unter uns, seid misstrauisch, nehmt nur das Schlimmste von euren Mitmenschen an, seid grausam und hart, Naivität und Gutgläubigkeit ist was für Dumme, wappnet euch mit Kälte, Rücksichtslosigkeit und Strenge, Brutalität und Gewalt.
Drohgebärden, Kassandrarufe, Schreckensszenarien: alle werden wir sterben, lasst uns aufrüsten, lasst uns kämpfen, lasst uns zerstören, bevor wir zerstört werden.
Ich sehe einen Menschen.
Ich sehe meinen Nächsten.
Ich sehe dich.
Friede sei mit dir.
Donnerstag, 30. Oktober 2025
Freitag, 17. Oktober 2025
Blognacht Vol. 61: Trotzdem!
Trotzdem - Was ist eigentlich los?
Trotzdem - Ich finde gar keinen Zugang mehr zu dir.
Trotzdem - Ich will dich nicht verlieren!
Wer bin ich, dass ich nicht wenigstens versuche, etwas erneut zu verbinden, was früher so selbstverständlich da war und jetzt schon lange nur noch Schmerz und Trauer und Hoffnungslosigkeit verursacht.
Unsere Mütter waren schon dicke Freundinnen. Als junge Mädchen an ihrem ersten Arbeitsplatz, gemeinsame Arbeit, gemeinsames Kantinenessen, gemeinsames unter dem Chef leiden, gemeinsame Träume und Zukunftspläne. So unterschiedlich sie auch in ihren Ansichten, im Charakter, ihrer Persönlichkeit waren, so stark und haltbar war doch das Band zwischen ihnen, bis ins hohe Alter, bis zum Tod der einen, schmerzlich vermisst von der anderen.
Wir waren 2, saßen zusammen im Sandkasten, verstanden nicht viel, sagten fast nichts, blickten einander interessiert an, dachten uns unseren Teil, verbrachten den Tag zusammen, wie unsere Mütter, und auf einer sehr instinktiven Weise wurden wir Freundinnen, schon da.
Wir waren 9, zogen uns gleich an, grüne Jeanshosen und blau-weiß gestrickte Westen, die meine Mutter für uns beide gestrickt hatte. Wir wollten Zwillinge sein. Wir machten Pläne, wie wir in Zukunft zusammen leben wollten, wie wir unsere Eltern davon überzeugen könnten und was wir zusammen arbeiten würden, wenn wir groß wären. Abends lagen wir nebeneinander im Dunkeln im Bett, flüsterten noch lange, an Schlaf war nicht zu denken.
Wir waren 12, ihre Mutter war schwer krank, musste für längere Zeit ins Krankenhaus, sie blieb bei uns, es gab viele Fragen: über Leben und Sterben, woher wir kommen, was nach dem Tod kommt, ob man Turnschuhe anziehen darf, ihre Mutter war strikt dagegen, daher wurden bei Fotos von uns beiden immer die Füße nicht mitfotografiert oder meine kleine Schwester musste sich davorstellen, damit man sie nicht sah.
Lange hielten wir Kontakt über Briefe, wie geht es dir, mir geht es gut, rituelle immer wiederkehrende Sätze am Anfang und Ende, wenn wir uns alle paar Jahre trafen, war es, als hätten wir erst gestern noch zusammengesessen, keine Fremdheit, kein sich erst wieder aneinander gewöhnen müssen, sie war da und wir legten los, unsere Freundschaft schien unerschütterlich zu sein.
Sie verliebt sich in eine Frau und erzählt mir erst Monate später davon. Sie war Jahre früher die erste gewesen, der ich von meiner Verliebtheit in eine Klassenkameradin erzählt hatte. Plötzlich ist sie mir fremd, ich falle in Schweigen, finde keine Worte, bin geschlagen, weit weg, die Distanz scheint unüberbrückbar.
Trotzdem schreibe ich ihr, besuche sie, lasse den Kontakt nicht abbrechen, versuche zu retten, versuche zu vergessen, ignoriere meinen Schmerz, rede ihn klein, spalte ihn ab, mache weiter, wie früher, bitte.
Irgendwann sind wir älter geworden, sie hat sich in einen Mann verliebt, lange mit ihm zusammengelebt, geheiratet, ich erfahre wieder erst deutlich später davon, schüttele mich nur kurz, mache weiter, halte fest an dieser Freundschaft - Freundschaft?
Ihr Leben geht weiter, Kinder, die größer werden, zur Schule gehen, ihre Mutter stirbt, meine Mutter verliert ihre langjährige Freundin, trauert, hält den Kontakt zur Tochter, die gemeinsame Trauer verbindet, lässt mich außen vor. Ich verstehe, nehme mich zurück, respektiere den Abstand, den sie offensichtlich braucht und einfordert.
Trotzdem schreibe ich ihr, inzwischen per Mail, schlage immer mal wieder ein Treffen vor, lade sie unverbindlich ein, schicke kleine Geschenke, freue mich, wenn sie hin und wieder antwortet, kurz, gestresst, mit völlig anderen Dingen beschäftigt und vermutlich nur pflichtgemäß aufgrund der früheren Verbundenheit, ein Treffen kommt nicht zustande.
In mir die Angst, die Panik, die Ohnmacht, die Freundschaft nur noch ein Schatten vergangener Zeiten?
Trotzdem weitermachen, weiterschreiben, weiterhoffen, obwohl das Offensichtliche unübersehbar.
Trotzdem!
(Danke für den Schreibimpuls an Anna Koschinski von blognacht.de)
Dienstag, 23. September 2025
Friedensflieger
Ich liege in der Abendsonne, die Augen geschlossen, erschöpft vom Tag, aber froh über diese vielleicht letzte Gelegenheit, denn der Herbst macht es sich bereits gemütlich und bringt viel Kälte, Regen, Nebel und graue Tage.
Ein zuerst nicht einzuordnendes Geräusch, ein leichtes Brummen oder eher Knattern, dann berührt mich etwas auf dem Handrücken. Vorsichtig drehe ich den Kopf, eine Libelle ist gelandet, ich halte den Atem an, schaue, ein wenig verwundert, beobachte neugierig.
Ganz vorsichtig setze ich mich auf, so dass ich sie jetzt genauer ansehen kann. "Was ist, bin ich ein Mondkalb oder was?" Ich schüttel ungläubig den Kopf "Du sprichst?" "Du doch auch!" "Ja, aber..." "Ja, ja, schon klar, mir als kleinem Insekt hast du das nicht zugetraut, richtig?" Ich nicke, ertappt, lausche, leicht irritiert:
Ich habe eine Mission, ich bin Friedensflieger, die Welt braucht uns und noch viele mehr davon. Die Lebensgrundlage ist doch für alle gleich, für Insekten, Pflanzen, Tiere, Menschen, Geister, und alle, die ich noch nicht kenne. Alle brauchen Boden, Wasser, Luft, Nahrung, Gemeinschaft, Frieden.
Und Frieden ist der Schlüssel für alles. Überall ist Krieg und Zerstörung, glaub ja nicht, dass nur ihr gemein und unfair, rücksichtslos und brutal seid, daher sind Friedensflieger auch unerlässlich und notwendig.
Wie willst du kleines Insekt für Frieden sorgen und dann auch noch für die ganze Welt, ist das nicht mindestens drei Nummern zu groß für dich?
Darüber denke ich nicht nach, ich mache einen Flügelschlag und noch einen und noch einen und fliege los, für den Frieden und erzähle jedem, ich bin ein Friedensflieger. Irgendwann sind dann alle Friedensflieger und die Welt ist gerettet. Und jetzt bist du dran. Du musst auch ein Friedensflieger sein.
Ich kann nicht mal fliegen, geschweige denn für den Frieden. Das ist mindestens 10, 100, 1000 Nummern zu groß für mich, tut mir leid.
Nein, das kann ich so nicht akzeptieren, Friedensflieger kann jeder sein, das ist keine Frage von Flügeln oder fliegen können, von klein oder groß sein, bedeutend oder unbedeutend. Jeder kann einen Beitrag leisten. Mach dir keine Gedanken über Sinn und Unsinn, ob du etwas erreichst oder nicht, mach einfach, sofort.
Eine zweite Libelle lässt sich auf meinem Handrücken nieder. Es sieht aus, als stecken sie die Köpfe zusammen, um sich zu beratschlagen oder neue Infos auszutauschen. Vermutlich auch ein Friedensflieger. Sie hat es eilig, fliegt weiter.
Die erste Libelle dreht ihren Kopf ein wenig, ihre Facettenaugen fixieren mich. Dann dreht sie ihre Flügel ein wenig und fliegt auch davon, weiter in die Welt, auf großer Mission.
Und ich mache einen Schritt und noch einen und noch einen und gehe los, für den Frieden und erzähle jedem, ich bin ein Friedensflieger, denn das ist keine Frage von Flügeln.
Freitag, 19. September 2025
Blognacht Vol. 60: Kurzweilig
kurzweilig
Eine kurze Weile
Zeit, die kurz erscheint, angefüllt mit Inhalt, Leben, Musik
Ein Mann mit einer Mundharmonika, eine Frau mit Akkordeon und eine Frau mit Flöte. Gemeinsam musizieren. Verbindung über Töne, Melodien, Klänge, Akkorde. Aufeinander hören, im Einklang sein, gemeinsam etwas entstehen lassen. Die unterschiedlichen Instrumente bilden eine neue Klangqualität, die die einzelnen Musiker allein nie erzielen können. Verbindung, Erlebnis, sich in die Klangfarben der anderen hineinfallen zu lassen und gleichzeitig eine neue Klangkomponente beizutragen.
Oh Shennandoah, Shantychor, ein Vorspiel, alles still, nur eine Mundharmonika singt zart und leise mit jedem Ein- und Ausatmen, man lauscht andächtig, wird hineingezogen in die Melodie und verfolgt den Fluss in seinem bedächtigen Lauf, dann setzt der Chor ein.
Beethoven, 1. Klavierkonzert im Orchester, zum Abschluss des Schuljahres, die Aula bis zum letzten Platz gefüllt, das Stück ohnehin schon gewaltig aber dann noch der Einsatz eines heftigen Gewitters, der Himmel dunkel und drohend, grollender Donner und grelle Blitze, die fliegenden Hände der Pianistin, schneller und schneller, auf der Flucht, das Orchester in seiner ganzen Macht und Fülle, perfekte Symbiose.
Die erste Oper als Kind, gebannt das Stück auf der Bühne verfolgen, hören, sehen, fühlen, umtost von den Stimmen der Sänger und Sängerinnen, die Musik aus dem Orchestergraben, eingehüllt in Schall und Klang, mitgerissen in eine neue Welt, gefangen und gefesselt, unfähig Blick und Ohren abzuwenden, sie bricht über das Kind herein und lässt es nie wieder los.
Ich lausche - die Zeit verfliegt.
(Danke für den Schreibimpuls an Anna Koschinski von blognacht.de)
Mittwoch, 31. August 2016
Mein Freund,
Samstag, 9. Juli 2016
Es war die Nacht der Geige
1964 Sie hatte ihn angesehen und war seiner Aufforderung zum Tanzen gefolgt, ein Walzer, süßlich-romantisch, sie glitten übers Parkett ohne ringsum etwas wahrzunehmen. Sie spürte, in diesen Minuten begann etwas Neues, ihr Leben schlug eine Richtung ein, die sie nie gewollt oder geplant hatte, mit einer Geschwindigkeit und Intensität, die sie verunsicherte und ihr den Atem nahm. War das ihr Leben? Konnte sie es noch ändern? Oder war dieser Mann, der sie ganz selbstverständlich und sicher im Arm hielt und mit ihr durch den Saal drehte, ihr Schicksal? Sie schwebte, der Rest war Nebensache.
1984 Nebenan übte der Nachbar, wie jeden Abend, um diese Jahreszeit war es draußen schon dunkel, und sie saß hier, mit diesem kleinen Etwas auf dem Schoß, ihrer alten Katze, die morgen eingeschläfert werden sollte. Das langgezogene Crescendo ließ ihre Trauer wachsen, staccatoartig hämmerte es in ihrem Kopf, war es die richtige Entscheidung? Durfte sie das? Hatte sie ausreichend nach Alternativen gesucht? Ihre Augen waren klar und voller Vertrauen, sie sah hoch zu ihr und schien sie trösten zu wollen. Federleicht war sie in den letzten Wochen ihrer Krankheit geworden, sie würde wie beiläufig davongehen und loslassen. Die Tonfolge schien in der Luft hängenzubleiben: Abschied tat weh.
2004 Es war weit nach Mitternacht, sie hatte den Computer gerade heruntergefahren, als im Radio diese Melodie kam, Geigenmusik, etwas weinerlich vielleicht, aber in einer Perfektion gespielt, die sie stocken ließ. Wie lange war das her, dass sie ihr Musikstudium aufgegeben hatte? Zugeben musste, dass ihr Talent nicht ausreichen würde? Wann hatte sie zuletzt ihr Instrument in die Hand genommen? Sie lauschte, und es kribbelte ihr in den Fingern, da lag er, der alte Kasten, etwas staubig und lieblos in der Ecke vergraben, und da war sie, die treue Begleiterin ihrer Kindheit und Jugend und auch noch frühen Erwachsenenzeit. Nachdenklich betrachtete sie das matt gewordene Holz, ihre Hände. Entschlossen griff sie zum Bogen.
2014 Die Töne überfluteten ihren Körper, still saß sie im hinteren Drittel des Großen Hauses, zwischen all den fremden Leuten, die nur die Liebe zur Musik miteinander verband. Wieder wanderten ihre Gedanken zu diesem Mann, dem sie sich so nah und verbunden fühlte, und der gleichzeitig unendlich weit entfernt schien. Töne überbrücken große Distanzen, sie wecken die Sehnsucht und legen den Finger in die Wunde. Es war nicht seine Schuld, dass sie nur vor sich hinträumte, sie hatte nicht den Mut, ihm näherzukommen, sich diesem Gefühl anzuvertrauen, das sie tief im Inneren spürte und stets im Keim erstickte. Hier im Konzertsaal wurde es groß und mächtig, drohte sie zu überwältigen und zeigte ihr, welche Kraft in ihm lag. War sie mutig genug? Sie musste die Herausforderung annehmen.
Der Tag begann, und die Welt war eine andere.
Mittwoch, 14. August 2013
Verbindung - Eine Annäherung
Die Spritzen haben nichts genützt, der Zustand ist unverändert schlecht, die Prognosen düster. Das Röntgenbild ist eindeutig: Verknöcherung der Hüften und des Rückens, dadurch Abklemmung der Nerven mit Lähmungsfolgen. Operative Maßnahmen nicht möglich.
