Sonntag, 31. Mai 2026

Am Straßenrand steht ein Motorrad, ich sehe es von weitem. Als ich näherkomme, treten aus dem Hauseingang gegenüber zwei Motorradfahrerinnen, überqueren die Straße und gehen auf das Motorrad zu. Sie müssen noch ihr Gepäck verstauen, daher radel ich langsam vorbei. Aus dem Augenwinkel heraus ein plötzliches Erkennen, ich fahre weiter.

Ich erreiche den Hafenbereich, Stände sind aufgebaut, Bierzeltgarnituren, Menschen, es riecht nach verschiedenstem Essen, eine Hüpfburg für Kinder, ein Ausflugsschiff, das regelmäßig anlegt, Menschen ausspuckt und neue einsteigen lässt, Lachen, irgendwo spielt eine Band.

Gemächlich das Gelände erkunden, bummeln, schauen, stehenbleiben, genauer schauen, Kaffee und Kuchen holen, einen Platz in der Nähe der Musik finden, sitzen, zuhören, essen, Sonne im Gesicht, Gespräche der Tischgenossen, Gitarre, Gesang, fasziniert von der Leichtigkeit, abtauchen, ein Klangteppich, umringt und eingehüllt in typische Festatmosphäre.

Am Rande des Hafengeländes, direkt beim Bootsanleger hält ein Motorrad. Zwei Frauen steigen ab, verstauen ihre Helme und Jacken und kommen näher. Sie sind gutgelaunt, lachen miteinander, halten sich an der Hand, ein flüchtiger Kuss, offensichtlich ein Paar, vermutlich schon recht lange, alltägliche Vertrautheit, aufeinander eingespielt. Eine davon kenne ich.

Ich bin wieder 17, neu in der Klasse, sie sitzt auf dem Tisch, umringt von ihrer Clique, es ist laut und fröhlich und chaotisch hier. Ich sitze auf meinem Platz am Fenster, eher abseits, beobachte erstaunt das Treiben, höre zu, bin eher still und zurückhaltend. Sie fällt auf, laut, rotzfrech, selbstsicher und direkt.

Irgendwann bin ich Teil der Clique, sie haben mich quasi adoptiert. Erstmalig gehöre ich irgendwo dazu, werde zu Treffen mitgenommen, gemeinsame Feten, Geburtstagsfeiern, Kinobesuche, zusammen in den Pausen abhängen. Ich staune darüber, kann es nicht so recht glauben, bin vorsichtig. Doch ihrer Präsenz kann ich mich nicht entziehen, ich bin fasziniert, gefangen in ihrem magischen Bann.

Ein Mädchen aus der Clique feiert ihren Geburtstag in einem Billardlokal. Wir alle haben noch nie Billard gespielt, stellen uns mehr oder weniger geschickt an, es wird viel gelacht. Eine Kugel knallt mit Wucht auf eine andere, die dadurch bis ans Ende des Tisches rollt, während sie selbst abgebremst wird und zurückrollt. Quer über den Billardtisch begegnen sich unsere Blicke, alles ist klar.

Ein paar Tage später will sie nichts davon hören, hält "solche Gefühle" für pervers und verweist vehement auf ihren Freund aus der Nachbarschaft, mit dem sie zusammen ist. Habe ich mich getäuscht? Es war doch so eindeutig und befreiend richtig. Nur für mich? Kann man sich so verirren?

600 Kilometer und 40 Jahre liegen zwischen diesem Ort und heute. Ein paarmal noch habe ich mich verliebt, in Frauen, in Männer, eine Beziehung ist nie daraus geworden, zu groß war die Unsicherheit, erneut etwas falsch verstanden oder gefühlt zu haben. Ich lebe allein.

Die beiden sitzen inzwischen nicht weit entfernt in der Sonne, essen Fischbrötchen, unterhalten sich. Wieder einmal bin ich am Rand, beobachtend, unbemerkt. Unbeteiligt? Irgendwo in meinem Hinterkopf taucht dieser Gedanke auf, ich möchte nicht von ihr entdeckt werden. Vorsichtig trete ich den Rückzug an, verlasse das Fest. 

Als ich mein Fahrrad aufschließe, muss ich doch noch einmal hinüberschauen. Über den Platz hinweg trifft mich ihr Blick, erstauntes Erkennen, ein Lächeln, erst zögernd, fast ein wenig beschämt, dann jedoch wie damals mit der gleichen Mischung aus Zärtlichkeit und Provokation. Ich wende mich ab, fahre los, in meinem Kopf hämmert es: Liebe tut weh.

Freitag, 8. Mai 2026

Blognacht Vol. 68 verplappert

verplappert verpleppert verplippert verploppert verpluppert
plapper doch nicht so laut
plapper nicht
plapper nicht
plapper plapper plapper nicht

Der Rhythmus dieser Zeilen hatte ihn in seinen Bann gezogen, obwohl sie inhaltlich eine einzige Katastrophe waren. Er sollte eigentlich Vokabeln lernen, doch wieder einmal waren seine Gedanken ganz woanders. Sich auf etwas konzentrieren, gerade wenn es so überhaupt keinen Spaß machte, fiel ihm schwer. Da flogen ihm von irgendwoher einzelne Wörter oder Satzfetzen zu und schwups fingen sie an sich zu bewegen. Manche im Gleichschritt, andere tanzten regelrecht, stürmten im Galopp davon oder schwebten in der Luft. Es faszinierte ihn jedesmal wieder.

verplappert plapp plapp
verplappert plappediplapp
plapp plapp verplappert
ha ha erwischt

Schnell an den Computer und einen kurzen Song kreiert. Die Software dazu hatte er im Internet gefunden und Tutorials dazu auch. Es war am Anfang ziemlich schwierig gewesen sich da einzuarbeiten, aber inzwischen klangen die Lieder schon ganz ordentlich. Er bekam sogar schon "Aufträge" von seinen Klassenkameraden, die ihm ein paar Zeilen oder erste Ideen vorsagten oder sangen und von ihm dann ein fertiges Lied wollten. Sicher, es schmeichelte ihm natürlich, war aber auch teilweise recht nervig. Vor allem wenn die Texte so gar nicht seinem eigenen Geschmack entsprachen. Er verdrehte die Augen. Texte wurden ohnehin überbewertet.

ver|plap|pern
Aus Versehen etwas, was geheim bleiben sollte, aussprechen, ausplaudern
sie hatte sich leider verplappert
ausplaudern, nicht dichthalten, nicht hinter dem Berg halten, verraten
(Duden)

Er hatte einfach nur dagestanden und sie angeschaut. Sie hatte irgendwas erzählt, er war gar nicht fähig gewesen, ihr auch noch inhaltlich zuzuhören. Wie schafften es Mädchen immer, alles gleichzeitig hinzubekommen? Gleichzeitig schauen und reden? Und denken. Und Pausenbrot essen. Und lachen. Sie lachte sensationell. Ihre Augen wurden ein bisschen kleiner und an der linken  Wange bekam sie ein Grübchen. Er kannte bisher niemanden mit einem Grübchen. Er musste immer wieder genau hinschauen, wenn es beim Lachen plötzlich auftauchte. Es faszinierte ihn, aber es war ihm auch unheimlich. Wieso konnte er nicht einfach aufhören damit. Wieso stand er da wie gebannt. Das passierte ihm doch sonst nicht.

Ge|heim|nis
1a etwas, was geheim bleiben soll
1b etwas, was nur eingeweihten bekannt ist
2. etwas Unerforschtes oder nicht Erforschbares
Heimlichkeit, Mysterium, Rätsel(haftigkeit), Wunder
(Duden)

Sein bester Freund hatte ihm auf den Kopf zugesagt, dass er einfach nur verliebt sei, sonst nichts. Sonst nichts? Er war völlig schockiert gewesen. Wie konnte er das sagen? Einfach so? Das war völlig unmöglich. Schon klar, hatte er dann noch nachgeschoben, das bleibt natürlich geheim, von mir erfährt keiner was, wir sind schließlich Freunde.

geheim geheim geheimnisvoll
Geheimnis geh heim
Geheimnis geh heim
Geheimniskrämerei

Und dann war es ihm doch rausgerutscht, vor den ganzen anderen. Er hatte ihn angeschaut, und es war völlig unklar, wer von ihnen entsetzter gewesen war. Beide plötzlich ganz blass, weitaufgerissene Augen, Panik, was jetzt? Die Zeit schien eingefroren, sie hatten absolut keinen Plan, wie sie da wieder rauskommen sollten.

geheim nicht mehr geheim
heim will ich heim
heim heim geh doch
ver ver plappert
lass mich heim

In seinem Kopf dröhnte es, harte kalte Beats, mitten auf den Schädel, er fürchtete ohnmächtig zu werden. "Dann musst du mich jetzt einladen, das macht man so, Eis mag ich gern." Sie nahm seine Hand und zog ihn fort, keine Ahnung wohin, doch das war egal. Er schaute sie an, hörte ihr Lachen, sah ihr kleines Grübchen und war froh.

(Danke an Anna Koschinski für den Schreibimpuls der blognacht )

Freitag, 6. März 2026

Blognacht Vol. 66

 "Glückwunsch! Du bekommst eine Stunde geschenkt."

Diesmal hat es tatsächlich mich getroffen, gerechnet habe ich definitiv nicht damit, schließlich bin ich ein absoluter Newcomer hier im Himmel, gerade mal zwei Monate tot und die Erinnerung an die Welt und das Leben noch sehr präsent. Warum Jesus bei seiner alljährlichen Weihnachtsbescherung die heißbegehrte Zusatzstunde ausgerechnet mir überreicht, bleibt sein Geheimnis. 

Ehrfurchtsvoll nehme ich dieses helle überirdisch strahlende Glitzerding entgegen und haste auf der Stelle los, denn ich will keine Sekunde davon sinnlos verstreichen lassen. 

Wen soll ich auf der Erde zuerst überraschen, mit wem noch einmal reden, was müsste geklärt oder in Ordnung gebracht werden? Sicher, ich habe schon oft darüber nachgedacht, was ich in dieser Zeit machen könnte, schließlich ist es das erste, was einem hier oben erzählt wird, diese besondere Vergünstigung, unverhoffte Gnade, um nicht in ewigem Gram über vertane Chancen zu versauern.

Da sind die naheliegendsten Möglichkeiten: noch lebende Familienmitglieder, meine Schwester, Nichte und Neffe, Cousine. Vielleicht auch langjährige Freunde: meine Freundin aus Kindertagen, mein Freund aus der Studienzeit. Es wäre natürlich auch denkbar, die Gelegenheit zu nutzen, um einflussreiche Menschen wie Politiker, den Papst, Schriftsteller, Journalisten u.ä. aufzusuchen und ihnen einen Geistesblitz aus höheren Sphären zu übermitteln.

Und während mein Kopf noch bedächtig nach der vernünftigsten und sinnvollsten Nutzung dieser heiligen Stunde sucht, hat mein Herz sich schon längst entschieden, und meine Beine eilen bereits dem Ziel entgegen, während mein Kopf hilflos hinterherjammert, weil er die geschenkte Zeit nicht auf diese Weise verschwendet sehen will.

Ich sitze an seinem Bett, er schläft, ruhig und friedlich, träumt, ein zarter Hauch Himmelsgespinst, das gleiche Glitzern wie die Stunde in meiner Hand, nie bin ich ihm im Leben so nahe gewesen.

Meine Gedanken wandern zurück, die erste Begegnung, ich kannte ihn nicht, wusste nichts von ihm und war doch sofort angezogen und fasziniert, seine erschreckend klaren Augen, die Ruhe und Sicherheit, die er ausstrahlte, das schalkhaft Verschmitzte, das Jungenhafte, obwohl er damals auch schon Mitte 30 war.

Er war seit Jahren schon in festen Händen, seine Freundin war wie eine kleine Schwester für mich, ihre Beziehung so rührend zärtlich, ich sah ihnen zu, vielleicht ein wenig wehmütig, vielleicht ein wenig enttäuscht, resigniert. Es dauerte nicht lange, da heirateten sie, später kamen Kinder, noch später Enkel, erfüllte Liebe, erfülltes Leben.

Mein Platz war stets in der Nähe, umkreisend wie der Mond die Erde, vielleicht am ehesten eine vorsichtige Freundschaft, unauffällig am Rande, anteilnehmend doch unbeteiligt, unsere Wege waren nicht dazu bestimmt sich zu kreuzen, wir liefen parallel nebeneinander her.

Bis auf ein einziges Mal, jene denkwürdige Samtnacht, in der kurz alles möglich schien, ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum, der uns einen Blick in eine Parallelwelt werfen ließ, ein anderer Lebenslinienverlauf schimmerte im matten Mondlicht auf, bestürzende Nähe, vor der wir beide instinktiv zurückschreckten, nicht in diesem Leben.

Ich nehme seine Hand, sie ist knochig geworden, noch immer diese helle Haut, die blonden Häärchen auf seinem Arm, ich spüre die Wärme, das Leben in ihm, jetzt trennen uns Welten, das strahlende Glitzern ein letztes Aufflackern in der Dunkelheit.

Leb wohl mein Freund.

(Danke für den Schreibimpuls an Anna Koschinski von blognacht.de)  

Donnerstag, 30. Oktober 2025

Eine Drohne über einem Panzer, gesteuert, beobachtet und die gelieferten Bilder und Infos auswertend von einem Piloten, der Panzer wird bombardiert, in die Luft gesprengt, ausgelöscht.
Ein Flugzeuggeschwader, das einen Bombenregen über einer Stadt niedergehen lässt, zusammenstürzende Häuser, Feuer, Schutt und Asche, Tote, Verletzte, Verbrannte, Schreiende, Sterbende.

Woran erkennst du den Feind?

Ein Mann, Ende 20, verheiratet, Vater einer zweijährigen Tochter, in der Armee, steuert einen Panzer durch Gegenden, die er nicht kennt, zerstört Häuser, Straßen, Menschen bevor er zerstört wird. Er ist nur eine Spielfigur. Der Pilot, der über ihm kreist, gerade frisch von der Uni, den Abschluss in der Tasche, Eltern und Geschwister, die auf ihn warten und für ihn beten, im unbekannten Luftraum, zerstört Panzer, Gebäude, Soldaten bevor er zerstört wird. Er führt nur Befehle aus.

Männer, Frauen, Kinder, die vor einer Gefahr davonlaufen, die über sie hereinbricht wie Gewitter oder Platzregen, gegen die es keinen Schutz gibt, unberechenbar, von einer Sekunde zur nächsten. Gestern sind sie noch zur Arbeit, ins Krankenhaus, in die Schule oder in den Club gegangen, haben geredet, sich gekümmert, gestritten, gekocht, getanzt, gelacht, obwohl oder gerade weil die Lage aussichtslos ist. 

Die 12jährige Elisa hat ihrer Freundin Katharina erzählt, dass sie nächste Woche das erste Mal ohne Longe reiten darf, aber da wird ihr Leben bereits vorbei sein.
Die 56jährige Hazel muss übermorgen ein schwieriges Gespräch mit einem Mitarbeiter führen und hofft, dass sie die richtigen Worte findet, aber dazu wird es nicht mehr kommen.
Die 72jährige Bastienne freut sich auf den Abend, weil ihr Sohn mit seiner Familie mal wieder vorbeischaut, sie hat schon alles eingekauft und vorbereitet für ein gemeinsames Essen, es ist ja so selten geworden, aber auch sie wird es treffen, wie zahlreiche weitere Opfer, wahllos zerstört.

Woran erkennst du den Feind?

Der Feind ist dieser, der Feind ist jener, der Feind ist dort, der Feind ist unter uns, seid misstrauisch, nehmt nur das Schlimmste von euren Mitmenschen an, seid grausam und hart, Naivität und Gutgläubigkeit ist was für Dumme, wappnet euch mit Kälte, Rücksichtslosigkeit und Strenge, Brutalität und Gewalt.
Drohgebärden, Kassandrarufe, Schreckensszenarien: alle werden wir sterben, lasst uns aufrüsten, lasst uns kämpfen, lasst uns zerstören, bevor wir zerstört werden.

Ich sehe einen Menschen.
Ich sehe meinen Nächsten.
Ich sehe dich.

Friede sei mit dir.


Freitag, 17. Oktober 2025

Blognacht Vol. 61: Trotzdem!

Trotzdem - Was ist eigentlich los?
Trotzdem - Ich finde gar keinen Zugang mehr zu dir.
Trotzdem - Ich will dich nicht verlieren!

Wer bin ich, dass ich nicht wenigstens versuche, etwas erneut zu verbinden, was früher so selbstverständlich da war und jetzt schon lange nur noch Schmerz und Trauer und Hoffnungslosigkeit verursacht.

Unsere Mütter waren schon dicke Freundinnen. Als junge Mädchen an ihrem ersten Arbeitsplatz, gemeinsame Arbeit, gemeinsames Kantinenessen, gemeinsames unter dem Chef leiden, gemeinsame Träume und Zukunftspläne. So unterschiedlich sie auch in ihren Ansichten, im Charakter, ihrer Persönlichkeit waren, so stark und haltbar war doch das Band zwischen ihnen, bis ins hohe Alter, bis zum Tod der einen, schmerzlich vermisst von der anderen.

Wir waren 2, saßen zusammen im Sandkasten, verstanden nicht viel, sagten fast nichts, blickten einander interessiert an, dachten uns unseren Teil, verbrachten den Tag zusammen, wie unsere Mütter, und auf einer sehr instinktiven Weise wurden wir Freundinnen, schon da.

Wir waren 9, zogen uns gleich an, grüne Jeanshosen und blau-weiß gestrickte Westen, die meine Mutter für uns beide gestrickt hatte. Wir wollten Zwillinge sein. Wir machten Pläne, wie wir in Zukunft zusammen leben wollten, wie wir unsere Eltern davon überzeugen könnten und was wir zusammen arbeiten würden, wenn wir groß wären. Abends lagen wir nebeneinander im Dunkeln im Bett, flüsterten noch lange, an Schlaf war nicht zu denken.

Wir waren 12, ihre Mutter war schwer krank, musste für längere Zeit ins Krankenhaus, sie blieb bei uns, es gab viele Fragen: über Leben und Sterben, woher wir kommen, was nach dem Tod kommt, ob man Turnschuhe anziehen darf, ihre Mutter war strikt dagegen, daher wurden bei Fotos von uns beiden immer die Füße nicht mitfotografiert oder meine kleine Schwester musste sich davorstellen, damit man sie nicht sah.

Lange hielten wir Kontakt über Briefe, wie geht es dir, mir geht es gut, rituelle immer wiederkehrende Sätze am Anfang und Ende, wenn wir uns alle paar Jahre trafen, war es, als hätten wir erst gestern noch zusammengesessen, keine Fremdheit, kein sich erst wieder aneinander gewöhnen müssen, sie war da und wir legten los, unsere Freundschaft schien unerschütterlich zu sein.

Sie verliebt sich in eine Frau und erzählt mir erst Monate später davon. Sie war Jahre früher die erste gewesen, der ich von meiner Verliebtheit in eine Klassenkameradin erzählt hatte. Plötzlich ist sie mir fremd, ich falle in Schweigen, finde keine Worte, bin geschlagen, weit weg, die Distanz scheint unüberbrückbar.

Trotzdem schreibe ich ihr, besuche sie, lasse den Kontakt nicht abbrechen, versuche zu retten, versuche zu vergessen, ignoriere meinen Schmerz, rede ihn klein, spalte ihn ab, mache weiter, wie früher, bitte.

Irgendwann sind wir älter geworden, sie hat sich in einen Mann verliebt, lange mit ihm zusammengelebt, geheiratet, ich erfahre wieder erst deutlich später davon, schüttele mich nur kurz, mache weiter, halte fest an dieser Freundschaft - Freundschaft?

Ihr Leben geht weiter, Kinder, die größer werden, zur Schule gehen, ihre Mutter stirbt, meine Mutter verliert ihre langjährige Freundin, trauert, hält den Kontakt zur Tochter, die gemeinsame Trauer verbindet, lässt mich außen vor. Ich verstehe, nehme mich zurück, respektiere den Abstand, den sie offensichtlich braucht und einfordert.

Trotzdem schreibe ich ihr, inzwischen per Mail, schlage immer mal wieder ein Treffen vor, lade sie unverbindlich ein, schicke kleine Geschenke, freue mich, wenn sie hin und wieder antwortet, kurz, gestresst, mit völlig anderen Dingen beschäftigt und vermutlich nur pflichtgemäß aufgrund der früheren Verbundenheit, ein Treffen kommt nicht zustande.

In mir die Angst, die Panik, die Ohnmacht, die Freundschaft nur noch ein Schatten vergangener Zeiten?
Trotzdem weitermachen, weiterschreiben, weiterhoffen, obwohl das Offensichtliche unübersehbar.
Trotzdem!

(Danke für den Schreibimpuls an Anna Koschinski von blognacht.de

Dienstag, 23. September 2025

Friedensflieger

(https://lydia-gajewsky.de/aufruf-zur-blogparade-frieden_2026/

Ich liege in der Abendsonne, die Augen geschlossen, erschöpft vom Tag, aber froh über diese vielleicht letzte Gelegenheit, denn der Herbst macht es sich bereits gemütlich und bringt viel Kälte, Regen, Nebel und graue Tage.

Ein zuerst nicht einzuordnendes Geräusch, ein leichtes Brummen oder eher Knattern, dann berührt mich etwas auf dem Handrücken. Vorsichtig drehe ich den Kopf, eine Libelle ist gelandet, ich halte den Atem an, schaue, ein wenig verwundert, beobachte neugierig.

Ganz vorsichtig setze ich mich auf, so dass ich sie jetzt genauer ansehen kann. "Was ist, bin ich ein Mondkalb oder was?" Ich schüttel ungläubig den Kopf "Du sprichst?" "Du doch auch!" "Ja, aber..." "Ja, ja, schon klar, mir als kleinem Insekt hast du das nicht zugetraut, richtig?" Ich nicke, ertappt, lausche, leicht irritiert:

Ich habe eine Mission, ich bin Friedensflieger, die Welt braucht uns und noch viele mehr davon. Die Lebensgrundlage ist doch für alle gleich, für Insekten, Pflanzen, Tiere, Menschen, Geister, und alle, die ich noch nicht kenne. Alle brauchen Boden, Wasser, Luft, Nahrung, Gemeinschaft, Frieden.

Und Frieden ist der Schlüssel für alles. Überall ist Krieg und Zerstörung, glaub ja nicht, dass nur ihr gemein und unfair, rücksichtslos und brutal seid, daher sind Friedensflieger auch unerlässlich und notwendig.

Wie willst du kleines Insekt für Frieden sorgen und dann auch noch für die ganze Welt, ist das nicht mindestens drei Nummern zu groß für dich?

Darüber denke ich nicht nach, ich mache einen Flügelschlag und noch einen und noch einen und fliege los, für den Frieden und erzähle jedem, ich bin ein Friedensflieger. Irgendwann sind dann alle Friedensflieger und die Welt ist gerettet. Und jetzt bist du dran. Du musst auch ein Friedensflieger sein.

Ich kann nicht mal fliegen, geschweige denn für den Frieden. Das ist mindestens 10, 100, 1000 Nummern zu groß für mich, tut mir leid.

Nein, das kann ich so nicht akzeptieren, Friedensflieger kann jeder sein, das ist keine Frage von Flügeln oder fliegen können, von klein oder groß sein, bedeutend oder unbedeutend. Jeder kann einen Beitrag leisten. Mach dir keine Gedanken über Sinn und Unsinn, ob du etwas erreichst oder nicht, mach einfach, sofort.

Eine zweite Libelle lässt sich auf meinem Handrücken nieder. Es sieht aus, als stecken sie die Köpfe zusammen, um sich zu beratschlagen oder neue Infos auszutauschen. Vermutlich auch ein Friedensflieger. Sie hat es eilig, fliegt weiter.

Die erste Libelle dreht ihren Kopf ein wenig, ihre Facettenaugen fixieren mich. Dann dreht sie ihre Flügel ein wenig und fliegt auch davon, weiter in die Welt, auf großer Mission.

Und ich mache einen Schritt und noch einen und noch einen und gehe los, für den Frieden und erzähle jedem, ich bin ein Friedensflieger, denn das ist keine Frage von Flügeln.

Freitag, 19. September 2025

Blognacht Vol. 60: Kurzweilig

kurzweilig
Eine kurze Weile 
Zeit, die kurz erscheint, angefüllt mit Inhalt, Leben, Musik

Ein Mann mit einer Mundharmonika, eine Frau mit Akkordeon und eine Frau mit Flöte. Gemeinsam musizieren. Verbindung über Töne, Melodien, Klänge, Akkorde. Aufeinander hören, im Einklang sein, gemeinsam etwas entstehen lassen. Die unterschiedlichen Instrumente bilden eine neue Klangqualität, die die einzelnen Musiker allein nie erzielen können. Verbindung, Erlebnis, sich in die Klangfarben der anderen hineinfallen zu lassen und gleichzeitig eine neue Klangkomponente beizutragen.

Oh Shennandoah, Shantychor, ein Vorspiel, alles still, nur eine Mundharmonika singt zart und leise mit jedem Ein- und Ausatmen, man lauscht andächtig, wird hineingezogen in die Melodie und verfolgt den Fluss in seinem bedächtigen Lauf, dann setzt der Chor ein.

Beethoven, 1. Klavierkonzert im Orchester, zum Abschluss des Schuljahres, die Aula bis zum letzten Platz gefüllt, das Stück ohnehin schon gewaltig aber dann noch der Einsatz eines heftigen Gewitters, der Himmel dunkel und drohend, grollender Donner und grelle Blitze, die fliegenden Hände der Pianistin, schneller und schneller, auf der Flucht, das Orchester in seiner ganzen Macht und Fülle, perfekte Symbiose.

Die erste Oper als Kind, gebannt das Stück auf der Bühne verfolgen, hören, sehen, fühlen, umtost von den Stimmen der Sänger und Sängerinnen, die Musik aus dem Orchestergraben, eingehüllt in Schall und Klang, mitgerissen in eine neue Welt, gefangen und gefesselt, unfähig Blick und Ohren abzuwenden, sie bricht über das Kind herein und lässt es nie wieder los.

Ich lausche - die Zeit verfliegt.

(Danke für den Schreibimpuls an Anna Koschinski von blognacht.de)